Cöln 1914

100 Jahre „Deutsche Werkbundausstellung Cöln 1914″

Geschichte und Hintergründe

Man hätte wirklich keinen schöneren Platz finden können.“ Euphorisch kündigte im April 1914 die Preußische Gemeindezeitung in einem Sonderdruck ein in Köln bevorstehendes, kulturelles Jahrhundertereignis an. Sieben Jahre nach seiner Gründung beabsichtigte hier der Deutsche Werkbund gemeinsam mit der Stadt Köln seine erste groß angelegte Werkschau, die Deutsche Werkbundausstellung Cöln 1914, auszurichten. Nachdem schon zwei Jahre zuvor die „Internationale Kunstausstellung des Sonderbundes westdeutscher Kunstfreunde und Künstler 1912“ beachtliche europäische Resonanz auf sich gezogen hatte, machte Köln erneut mit einem auf internationale Wirkung angelegten Kulturprojekt von sich Reden. Maßgeblicher Initiator war in beiden Fällen der Hagener Fabrikant und Mäzen Karl Ernst Osthaus, der sich zu Beginn des noch jungen Jahrhunderts den „Umschwung im künstlerischen Leben und Schaffen“ zum Lebensziel gesetzt hatte.

Auf Initiative des damaligen Kölner Beigeordneten Carl Rehorst, wie Osthaus Mitglied im Deutschen Werkbund, wurde auf der Wiener Werkbundversammlung 1912 das rechte Rheinufer gegenüber der historischen Stadtsilhouette als Austragungsort beschlossen, weil die Stadt dort mit beachtlichen finanziellen, territorialen und administrativen Angeboten beste Voraussetzungen zu schaffen versprach. Unter den deutschen Großstädten nahm Köln seit Jahrzehnten eine führende Rolle in der Modernisierung und Neugestaltung des Stadtbildes ein, die es nun mit einer Generalschau zum neuesten Stand von Städtebau, Architektur und Produktgestaltung erneut zu demonstrieren gedachte.

Generalplan des Ausstellungsgeländes auf dem Deutzer Rheinufer,  Entwurf Carl Rehorst, 1914

Nördlich des neuen, 1913 errichteten Deutzer Bahnhofes stellte man ein über „200.000 qm großes“ Gelände zur Bebauung mit modernster Ausstellungsarchitektur bereit. Neben stattlichen „550.000 Mark“ Startkapital steuerte man einen Stab von 115 Mitarbeitern aus Verwaltung und Politik zur mehrjährigen Vorbereitung bei. Auf der Liste der „Garantiezeichner“ setzte sich die Stadt an vorderste Stelle und bekundete damit neben wirtschaftlichen Interessen auch ihren fortschrittlichen Anspruch an eine umfassende Erneuerung der Ästhetik des Gegenständlichen. „Von der Türklinke bis zum Städtebau“ hatte sich der Deutsche Werkbund die „Veredelung der gewerblichen und industriellen Arbeit durch die Kunst“ auf allen gesellschaftlichen Ebenen zum Ziel gesetzt. „Wenn in unserer an Ausstellungen wahrlich überreichen Zeit ein solches Unternehmen auf Erfolg, d.h. auf Erfüllung einer Kulturaufgabe -nicht etwa auf finanziellen Gewinn- rechnen will, so muß es schon etwas Besonderes bieten.“ … schrieb Rehorst als Chefplaner im Vorwort des opulenten Ausstellungskatalogs.

Am Vorabend der Moderne des zwanzigsten Jahrhunderts entstand damit auf dem Deutzer Rheinufer eine erste aufschlussreiche Gesamtschau industrieller, handwerklicher und künstlerischer Produktion, deren Gestaltung sich an Zweckmäßigkeit und Nützlichkeit orientieren und den Weg zu einer neuen Ästhetik frei von erstarrten Historienmustern des 19. Jh. bereiten sollte. Für die rechtsrheinische Stadtentwicklung Kölns bedeutete dies zugleich den Auftakt zum heutigen Ausstellungs-, Messe- und Designstandort von internationalem Rang. Auf dem weiträumigen, bis dahin weitgehend ungenutzten Areal, wo später die Pressa-Bauten, die Messehallen Adolf Abels (heute RTL), die Bundesgartenschau 1957 und Frei Ottos frühe Membrandächer entstanden, entwarf bereits in den Jahren 1913/14 das „who is who“ der damaligen deutschen Architektenschaft Ausstellungsbauten, von denen einige zur Entwicklung der internationalen Moderne der Zwanziger Jahre beitrugen.

Luftbild des Ausstellungsgeländes als Postkarte 1914

Herausragend unter ihnen sind die sog. „Musterfabrik“ des erst 31-jährigen Walter Gropius, Architekt der Faguswerke in Alfeld (1911) und erster Direktor des 1919 gegründeten Dessauer Bauhauses sowie der expressionistische Glaspavillon des drei Jahre älteren Bruno Taut, später u. a. Architekt berühmter Berliner Wohnsiedlungen wie der „Hufeisensiedlung“ oder „Onkel Tom´s Hütte“. Sowohl das Deutsche Bauhaus als auch die Wohnsiedlungen Bruno Tauts gehören heute zum UNESCO-Weltkulturerbe. Henry van de Velde, Leiter der Kunstgewerbeschule in Weimar, Vorgänger und Urzelle des Deutschen Bauhauses, baute das Werkbund-Theater mit „dreiteiliger Bühne“. Peter Behrens, Architekt und Produktgestalter, heute gern als „Vater des Corporate Design“ bezeichneter Schöpfer der Berliner AEG-Turbinenhalle (1909) baute die „Werkbund-Festhalle“ und gestaltete das Ausstellungsplakat. Theodor Fischer baute die Haupthalle, Hermann Muthesius das Haus der Farben, Josef Hoffmann das sog. „Österreichische Haus“.

Von der Kölner Bürgerschaft und einflussreichen Gruppen aus Kunst, Politik und Wirtschaft gleichermaßen tatkräftig unterstützt wurde die Ausstellung am 16. Mai 1914 eröffnet. Bis Oktober geplant erlag sie jedoch vorzeitig dem Schicksal europäischer Politik und wurde mit Beginn des 1. Weltkrieges bereits am 01. August 1914, dem Tag der deutschen Kriegserklärung an Russland, abrupt geschlossen. Bis Kriegsende weitgehend ungenutzt, zweckentfremdet und teilweise abgerissen mussten ab 1918 bis 1924 auch die letzten noch verbliebenen Gebäude der Entwicklung zum Kölner Messegelände restlos weichen.

Anders als im breiten Spektrum der geisteswissenschaftlichen Literatur über den „Beginn der modernen Architektur und des Designs“ sind die Ausstellung und ihre Bauten im Bewusstsein der Stadt heute nahezu völlig in Vergessenheit geraten.

Das einstige Ausstellungsgelände 1914, heute Kölner Messegelände Foto: Philipp Meuser, DOM Publishers.

Die 100-jährige Wiederkehr dieses Ereignisses im Mai 2014 nehmen das Haus der Architektur Köln (hdak), die Fakultät für Architektur der Fachhochschule Köln und der Deutsche Werkbund NW zum Anlass, in drei Veranstaltungen über die historischen Hintergründe zu informieren, seine Bedeutung für die Entwicklung der Gestaltung in den vergangenen 100 Jahren kritisch einzuordnen und gestalterische Perspektiven für die Zukunft zu skizzieren.

Roland Dorn

Hinweis: Sämtliche historischen Aufnahmen sind im Original entnommen aus „Jahrbuch des Deutschen Werkbundes 1915 „Deutsche Form im Kriegsjahr – Die Ausstellung in Köln 1914“. Verlag F. Bruckmann AG, München 1915